Nachhaltigkeit in der Antike: Seneca – Über das glückliche Leben

Gelassenheit, Seelenruhe und Weisheit – mit diesen Charakteristika versuchen die Stoiker die Welt zu erfassen. Seneca, ein Vertreter der Stoiker, versucht in seiner Schrift „Vom glücklichen Leben“ die Tugenden zum wahrhaftigen Glück zu beschreiben. Doch kann man diese Weltanschauung auch heute noch mit Nachhaltigkeit in Verbindung setzen?


In diesem Blog-Beitrag betrachten wir die Schriften „Vom glücklichen Leben“ von Seneca und versuchen uns auf die Nachhaltigkeit im modernen Sinne zu fokussieren. Die Überlegung dabei ist, ob die benötigte Lebensweise, die Seneca für ein glückliches Individuum voraussetzt, im Sinne des individuellen Umweltbewusstseins in Einklang ist. Doch, bevor wir uns mehr damit auseinandersetzen, schaffen wir uns einen kurzen Überblick: Was sind die Stoiker und wer ist dieser Seneca, von dem man immer wieder mal hört?


Wer ist Seneca?


Stoische Philosophen, auch Stoiker genannt, versuchen die Welt mit Hilfe von kosmologischen und naturbezogenen Prinzipien als Ganzes zu betrachten und streben dabei nach Weisheit. Nach diesen universellen Gesetzen der Natur leben sie mit Gelassenheit, Seelenruhe und emotionaler Selbstbeherrschung. Der Begriff hat seinen Ursprung bei der Stoa, eine Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen. Begründer der Stoa war der Philosoph Zenon von Kition, welcher um etwa 300 v. Chr. die philosophische Schule gründete, welche heute als eine der stärksten in der abendländischen Geschichte beschrieben wird.
Die Stoiker fanden viele Vertreter, doch einer der bekanntesten ist Lucius Annaeus Seneca (Seneca der Jüngere). Er gilt als einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Er war Erzieher bzw. Berater des späteren Kaisers Nero, später bezog er auch ein Amt im Konsulat und gehörte zu den reichsten und mächtigsten Männern im Reich.
Obwohl ihm als Staatsmann nachgesagt wird, dass seine politischen Entscheidungen nicht immer im Einklang mit seinen philosophischen Schriften und in denen enthaltenen stoischen Grundsätzen waren, konzentrieren wir uns heute lediglich auf die ersten 16. Kapiteln des Werkes „Vom glücklichen Leben“ und lassen den Diskurs über seinen möglichen Opportunismus aus, um nicht den Überblick zu verlieren.
Seneca selbst befasste sich hauptsächlich mit Fragen der richtigen Lebensführung und der Ethik. Nachdem wir jetzt einen kleinen Überblick über die Werte der Stoiker und Seneca haben, können wir uns dem Werk widmen.


Über das glückliche Leben


In seinen philosophischen Niederschriften sprach Seneca meistens konkrete Personen als Empfänger an, denen er seine Ansichten und Erkenntnisse wiedergab. Dabei wendet sich die Niederschrift „Über das glückliche Leben“ (Original: De vita beata) an seinen Bruder Gallio. In dieser um das Jahr 58 herum verfassten Schrift will Seneca seinem Bruder Gallio und dem Leser die eigenen stoischen Ansichten in Bezug auf tugendhafter Lebensführung, Reichtum und den Umgang damit vermitteln. Mit diesen Mitteln soll man in der Lage sein, ein glückliches Leben zu führen, wobei die Tugend der Weg zur Glückseligkeit ist. Interessant dabei ist, dass das Ende der Schrift verloren gegangen ist.
Den Bezug zur Nachhaltigkeit bekommt man, indem man sich den Kern einer nachhaltigen Lebensweise ohne die „Einschränkung“ auf Umweltpolitik als Thema definiert. Denn bei genauerem Betrachten ist der Sinn eines nachhaltigen Lebens der, dass man eine glückliche und zufriedene Lebensweise führt, die den Zweck erfüllt, die nachfolgenden Generationen mit einem Mehrwert zu beschenken bzw. zumindest keine Nachteile zu hinterlassen. Dadurch lassen sich viele Parallelen zu stoischem Gedankengut – Naturgesetze, die nicht die Natur schädigen – und tugendhaftem Verhalten betrachten.


Vita beata


Das Werk teilt sich in 28 Kapitel, wobei wir uns lediglich auf die ersten 16 konzentrieren. Diese beinhalten die Definitionen des Themas und den stoischen Standpunkt in Bezug zu anderen philosophischen Positionen. Kapitel 17 – 28 fokussiert sich auf Rechtfertigungen des eigenen Lebensstils in Bezug zum Reichtum von Seneca und haben per se weniger mit Nachhaltigkeit zu tun.


Der Weg zum Glück


Über die Schwierigkeit, ein glückliches Leben zu erkennen, beschreibt Seneca den Weg zum Glück mit einer Metapher:


„Auf nicht also müssen wir mehr achten als darauf, nicht nach Art des Herdenviehs der vorauslaufenden Schar zu folgen: wir würden dann nur den meist betretenen, nicht aber den richtigen Weg wählen.“


Laut Seneca sollen wir lernen, unseren eigenen Weg zu ebnen und diesem zu folgen. Nur weil ein Großteil der Umgebung eine Richtung auswählt und wir diesem folgen, heißt es nicht, dass dieser auch der „richtige“ ist. Bildung und Wissen bzw. ein „bestimmter Sachkundige“, helfen uns dabei, uns selbst über die Nachhaltigkeit zu informieren, unsere eigene Meinung zu bilden und uns – wie bei den Stoikern – stets weiterzubilden.


Lebensentscheidungen


In eigener Reflexion sollen wir laut Seneca hinterfragen, ob die Lebensentscheidungen, die wir täglich treffen, auch die richtigen sind:


„Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochen dauernden Glückes sichert, nicht was dem großen Haufen, …, genehm ist.“


Nachhaltigkeit beinhaltet auch das Überdauernde bzw. das Zeitlose im Sinne von Langlebigkeit. Wenn man etwas der Umwelt zuliebe tut, überdauern die positiven Folgen dessen das eigene Individuum. Ändert man die innere Ansicht, also das Denken, für die Umwelt dauerhaft, so fängt man auch einen nachhaltigen Lebensstil an, in jeder Situation, ununterbrochen. So kann man auch bei Seneca das „dauernde“ glückliche Leben führen.


Naturgesetze


Die Stoiker folgen den Gesetzen der Natur und versuchen darin das Glück zu finden:


„Dabei halte ich mich, worin die Stoiker alle übereinstimmen, an die Natur. Von ihr nicht abzuirren, nach ihrem Gesetz und Beispiel sich zu bilden, das ist Weisheit. Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht.“


Hier beschreibt Seneca in direkter Form den Bezug der Natur, in unserem Sinne Umwelt, mit dem glücklichen Leben. Dies setzt eine Harmonie mit dem eigenen Körper und Geist voraus:


„… Geist gesund und im dauernden Besitz dieser seiner Gesundheit ist, …“


Demnach gehört eine gewisse Achtsamkeit zu einem nachhaltigen, glücklichen Lebensstil. Seneca setzt sich mit „Friede und Eintracht der Seele“ in stoische Manier im Werk auseinander und spricht sich gegen Gewalt aus:


„…; denn wilde Rohheit hat ihren Ursprung immer nur in der Schwäche.“


Tugendhaftes Leben


Einen Mehrwert für die aktuelle und folgenden Generationen kann man daher mit „klarem“ Blick und „hochherzige Gesinnung“ erreichen. Dabei ist dem antiken Staatsmann zufolge, die Tugend das beste Mittel dafür. Diese bedarf keiner Lüste, die Seneca schlechtredet, denn ihm zufolge ist die Tugend das höchste gut:


„…, der kein größeres Gut kennt als das, welches er sich selbst geben kann, dem die wahre Lust die Verachtung der Lüste ist.“


Auf die Lust verzichten?


Braucht man also eine tugendhafte Lebensweise, um nachhaltig zu leben? Seneca könnte ja sagen, denn dadurch würde der Gefallen an den “Lüsten“ allein durch die Tugend verschwinden:


„Das glückliche Leben gründet sich als auf ein richtiges und sicheres und keinen Schwankungen unterliegendes Urteil.“


Dabei ist es wichtig anzumerken, dass bei Seneca mit „Lust“ nicht nur der sexuelle Aspekt gemeint ist, sondern Lust im Sinne von Gier als eine Befriedigung eines auf Begehren gerichtetes Verlangen. Die Lüste stehen hier im Gegensatz zur Tugend und entsprechen laut Seneca nicht den stoischen (für uns umweltbewussten) Werten.

Ein nachhaltiges Leben führen, kann demnach heißen, mit einer bestimmten Sicherheit und „fest entschlossen“ der Umwelt zuliebe im „Einklang“ mit dieser zu leben.
Im Dialog bezieht sich Seneca auch auf die Meinung, dass der Mensch „doch“ seine „Vergnügungen haben“ möchte.

„…niemand könnte tugendhaft leben, ohne zugleich lustvoll zu leben, und niemand lustvoll, ohne zugleich tugendhaft.“


Er meint, dass mit einer gewissen Vernunft und „gesundem“ Verstand, keiner das „Schädliche“ dem „Besten“ vorzieht:


„Ohne gesunde Vernunft kann niemand glücklich sein, und geistig gesund ist niemand, der das Schädliche erstrebt statt des Besten.“


In unserem Fall wäre das „Beste“ auch das Nachhaltige. Laut Seneca hat die Tugend nämlich „nichts“ „mit schlechtem Leben … gemein“ und die Lust und Tugend sei „entgegengesetzt“.


Lust nachhaltig erfahren


Zur Tugend und Lust, meint Seneca, dass man durch die Tugend selbst, ohne zusätzlicher Anstrengung, Lust erfahren kann:


„So wie auf einem Acker, der durch den Pflug für die Saat gelockert ist, mancherlei Blumen mit aufwachsen, ohne dass etwa für dieses Nebengewächs, …, soviel Mühe verwandt worden wäre – die Absicht des Säemanns war eine andere, das hat sich nur nebenbei eingefunden -, so ist die Lust nicht Lohn oder Grund der Tugend, …“


Im Sinne der Nachhaltigkeit, kann man sagen, dass eine gewisse Lust bzw. Befriedigung mit einer tugendhaften Beschäftigung nebenbei entsteht. Nachhaltige Denkweisen und Handeln kann in sich selbst das höchste Gut sein – es bedarf keinem anderen Zweck als „sich selbst“ – wodurch ein gewisses Bewusstsein für die Umwelt selbst eine Art Befriedigung bzw. Erfüllung darstellt.


Nachhaltige Ernährungsweise?


Zum Thema Ernährung nennt Seneca zwei bestimmte Personen-Namen und schreibt folgendes:


„… – diese köstlichen Güter, wie sie sie nennen – verdauen und auf ihrem Tische eine Musterkarte der ganzen Tierwelt ausgebreitet sehen.“


Es ist kein Geheimnis, das Seneca selbst auf eine außergewöhnliche Tierkost verzichtet hat. Heute wissen wir durch Studien belegte Fakten, dass die heutige Massentierhaltung schädlich für die Umwelt ist – vor allem das von den Kühen produzierte Methan. Im Sinne der Nachhaltigkeit kann man sagen, dass nicht nur wegen der modernen Umweltbelastung durch die massenhafte Tierhaltung, sondern auch der ökologische Fußabdruck durch die Verarbeitung und Transportlogistik, eine Ernährung basierend auf „eine Musterkarte der ganzen Tierwelt“ im Sinne der Umweltfreundlichkeit schädlich sein kann. Seneca zufolge deckt sich solch eine Lebensweise nicht mit der Tugend. Weiteres verweist er darauf, dass zu viel des Guten ungünstig sein kann. Im letzten von uns herangezogenen Kapiteln stellt er dem Leser die Frage:


„Reicht die Tugend aus zum glücklichen Leben?“


Diese beantwortet er mit einem klaren „Ja“, wenn man eine tugendhafte Lebensweise nach stoischer Philosophie lebt.

Fazit


Um zusammenzufassen, gilt für Seneca als höchstes Gut für ein glückliches Leben im stoischen Sinne die Tugend, Gelassenheit und Seelenruhe.
Dieses tugendhafte Leben können wir in manchen Aspekten einer nachhaltigen Denkens- und Lebensweise wiederentdecken. So können laut Seneca nur diejenigen ein glückliches Leben führen, die nicht nur an sich selbst denken und nicht nach ihrer „Lust“ leben.

„Geben wir so, wie wir selbst empfangen möchten: vor allem gern, rasch und ohne jedes Zögern.“


Ob die Lebensweise von Seneca selbst eine nachhaltige in unserem modernen Sinne war, sei dahingestellt. Jedoch kann man in den stoischen Schriften Senecas über das glückliche Leben und den philosophischen Lehren der Stoa sicherlich einige Parallelen mit der umweltfreundlichen Lebensweise wiederentdecken.

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